Konfirmanden

Konfirmationspredigt am 22. März 2015 in Neureut-Nord
Über Eure Konfirmation habe ich einen Bibelvers aus dem Brief des Paulus an die Gemeinden in Galatien gestellt:

In Kapitel 5, Vers 13 schreibt der Apostel:

„Ihr aber, liebe Geschwister, seid zur Freiheit berufen!“

Liebe Konfis,
liebe Gemeinde,

nicht jeder ist wie wir Christen überzeugt, dass Freiheit eine gute Sache ist. Ist es nicht viel einfacher, wenn einem gesagt wird, wo es lang geht?  Hat doch in eurer Kindheit auch ganz gut geklappt.

In den meisten Ländern der Welt geht es so zu. Der Staat oder die Religion sagen, wie  Menschen zu leben haben. Da gibt es kein Pardon. Wer nicht hören will, muss fühlen. In manchen islamischen Staaten wird beispielsweise der Übertritt zum Christentum mit dem Tod bestraft. In Saudi-Arabien oder im atheistischen Nordkorea reicht schon der Besitz einer Bibel.

Es gibt Menschen bei uns, die sich aufregen, dass auf diesem Hintergrund bei uns Moscheen gebaut werden dürfen. Emotional kann man das sogar verstehen.

Als Antwort  darauf zitiere ich noch einmal Paulus, dann Mahatma Gandhi, den gewaltfreien Befreier Indiens, und zuletzt Jesus.

Paulus: Überwinde das Böse, das man dir antut, mit Gutem.

Nicht die Gegner der Freiheit dürfen demnach das Klima bei uns bestimmen. Nicht deren Verhalten unser Verhalten ändern. Wir wollen nicht ihnen gleich werden, wir werben dafür, dass sie sich getrauen, in den friedlichen Wettbewerb der Religionen, der Lebensweisen einzutreten. Viele Muslime stimmen uns da zu.

Jetzt der Satz von Gandhi: „Wenn das Prinzip gilt: Auge um Auge, dann ist die Welt irgendwann blind.“  Ein Satz, der keinen Kommentar braucht.

Jetzt Jesus: Wer nur denen Gutes tut, die einem selbst Gutes tun, der ist nicht besser als die Heiden.

Er will sagen: Dafür brauchst du keine Religion. Gut sein zu denen, die dir Gutes tun. Das macht jeder normale Mensch sowieso.

Es gibt auch Christen, die Angst vor der Freiheit haben. Sie sind der Auffassung, aus der Bibel müsste man genau heraus arbeiten, wie ein christliches Leben auszusehen hätte. Was man tun, vor allem aber, was man lassen muss. Das ist nicht der Geist, den die Bibel überall atmet. Das ist der Geist der Angst.

Das ist auch nicht die Freiheit, von der Paulus schreibt.

Was zeichnet Freiheit aus? Eigenes Denken, eigene Entscheidungen gehören unbedingt dazu.

Dann die Fähigkeit zur Kritik. Also Urteilsvermögen. Es entsteht da, wo Menschen sich informieren und wo sie an ihrer Persönlichkeit arbeiten. Eigene Erfahrungen in ihre Sicht der Dinge aufnehmen.

Ein loser Mensch ohne Zutrauen in die eigene Persönlichkeit ist wie ein loses Blatt im Wind. Er wird jedem nach dem Mund reden. Er wird keinen Widerstand leisten, wenn es zu Fehlentwicklungen kommt. Er wird den Schwachen nicht beistehen, weil ihm dazu der Charakter fehlt.

Freiheit, liebe Gemeinde, wird in vielen Ländern als bedrohlich empfunden. Wie kann eine Gemeinschaft zusammen halten, so fragen sie, wenn jeder selbst über sein Leben, sein Glück, seine Werte, seinen Glauben  entscheidet? Alles zerfällt dann in egoistischen Individualismus. Das, so wird argumentiert, ist der Weg des Westens. Der Weg der freien, christlich geprägten Welt. So wollen sie nicht leben.

Christen sehen das genau umgekehrt: Wie kann Leben gelingen, wenn andere vorschreiben, wie man zu leben, was man zu glauben, wen man zu lieben hat? Wie kann ein tiefer Umgang mit Gott entstehen, wenn es genügen würde, sich an gewisse Regeln und Gebote zu halten?

Erwachsen werden, ihr erlebt es gerade, bedeutet: Immer mehr Entscheidungen für sich zu treffen. Früher haben die Eltern euch gesagt, was es wann zu essen gibt. Heute treiben die ersten von euch Mutter und Vater an den Rand des Wahnsinns, wenn sie ihnen erklären: Ich lebe jetzt vegan. Als ob vegetarisch nicht genügt hätte!

Zunehmende Selbstverantwortung. Isst man, was man mag, Pommes, Hamburger, Chips, Eis, oder fragt man, was der Körper braucht?  Gemüse, Salate, weniger Fleisch.

Ihr merkt: Freiheit hat etwas mit Verantwortung zu tun.

Es geht bei der Freiheit nicht darum, dass man tun und lassen kann, was man möchte. Es geht darum, das Richtige zu tun und das Falsche zu lassen.

Wenn es keine starren Regeln gibt, wenn immer neu entschieden werden muss, gibt es dann wenigstens so etwas wie einen Kompass? Maßstäbe, an denen sich Entscheidungen ausrichten?

Ja, lest einfach mal das ganze Kapitel 5 im Galaterbrief. Da steht der Maßstab, den ihr an euer ganzes Leben anlegen könnt. In jedem Lebensabschnitt. Bei allen Entscheidungen, den großen wie den kleinen.

Wie Freiheit siegen wird über die Versuchung, die Entscheidung abzugeben an einige Wenige. Die aus der Unfreiheit der Vielen meistens großen Gewinn abschöpfen. Macht bedient sich gerne der Angst, der Abhängigkeit, der Unreife und der Unmündigkeit.

Ich lese Euch zum Schluss die zwei entscheidenden Sätze zur Freiheit vor. Mein Wunsch, der Wunsch Eurer Gemeinde, lautet: Immer sollt ihr Freunde der Freiheit sein. Kein geringerer als Gott hat sie uns anvertraut. Ihr seid seine Hoffnung und damit die Hoffnung der Welt.

Erster Satz: In Christus Jesus gilt .. der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

Die Liebe ist der Kompass, an dem sich die Freiheit eines Christenmenschen ausrichtet.

Ihr habt Euch alle entschieden, direkt von der Konfi-Gruppe in die Jugendgruppe zu wechseln. Ein Satz, den ich immer wieder von Euch oder über Euch gehört habe: Wir haben uns alle lieb. Genau das meint unser Glaube.

Zweiter Satz: Alle Regeln Vorschriften und Gesetze in der Bibel „sind in einem Wort erfüllt, in dem: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“

Christinnen und Christen lieben sich so sehr selbst, dass sie niemanden anderen über ihr Leben bestimmen lassen. Das macht sie nicht zu verwöhnten Egoisten, das macht sie fähig zur Nächstenliebe. Das ist eure und unsere Freiheit. AMEN.

Pfarrer Ekkehard Hildbrand, Neureut-Nord