Nordkirche Neureut

Wissenswertes über die Nordkirche Neureut
Im Jahr 1857 wurden bei 1.224 Einwohnern von Teutschneureut durchschnittlich 820 Kirchenbesucher gezählt, und das bei einer Kirche mit 550 Sitzplätzen.

Unter Darlegung dieser untragbaren Verhältnisse machten der Kirchengemeinderat, der Gemeinderat und der Ausschuss von Teutschneureut bereits am 27.01.1857 eine gemeinsame Eingabe an den Großherzoglichen Evangelischen Oberkirchenrat in Karlsruhe mit der Bitte die bestehende Kirche in angemessener Weise zu vergrößern.

Auf die Eingabe der Gemeinde erstellte Oberbaurat Fischer ein technisches Gutachten nach welchem eine Erweiterung der bestehenden Kirche als unzweckmäßig erachtet wurde. Der von Oberbaurat Fischer empfohlene Neubau konnte aus Kostengründen jedoch zunächst nicht realisiert werden.

In den Jahren 1859 und 1860 wiederholte die Gemeinde daraufhin ihr Gesuch, jedoch wieder ohne Erfolg. Erst am 13.03.1884 erteilte das Großherzogliche Ministerium für Finanzen die Genehmigung für den Kirchenneubau und verfügte gleichzeitig, dass die neue Kirche auf dem Platz der bisherigen Kirche erstellt werden muss.

Die Pläne und Kostenberechnungen für die zu erbauende Kirche wurden von der Großherzoglichen Bezirksbauinspektion unter der Leitung von Baurat Dyckerhoff und dessen Gehilfen, Baumeister Hermann Speer, erstellt.

Mit den Bauarbeiten wurde im Jahr 1885 begonnen. Der schnelle Baufortschritt ermöglichte es, dass bereits am 17.06.1886 der Grundstein für das neue Gebäude gelegt werden konnte. Der Grundstein befindet sich links am Chorbogen und trägt gut sichtbar die Jahreszahl 1886.

In den Grundstein wurde ein Behälter aus Zinkblech mit folgendem Inhalt gelegt:
-    je eine Probe der in der Gemarkung angebauten Fruchtsorten Korn, Gerste, Weizen und Spelz,
-    eine Liste sämtlicher Gemeindebürger nach dem gegenwärtigen Stand
-    je ein Exemplar des gegenwärtig eingeführten Gesangbuches und des Katechismus
-    ein Exemplar der Karlsruher Zeitung, auf Schreibpapier gedruckt, vom Tage der Grundsteinlegung
-    je ein Stück von allen jetzt im Gebrauch befindlichen Münzen des Deutschen Reiches
-    eine Urkunde aus Pergament.

Insgesamt wurden 5.600 Kubikmeter Steine vermauert. Heute lässt sich kaum noch nachempfinden, wie beschwerlich die Arbeiten mit den damaligen Hilfsmitteln vonstatten gingen und wie beschwerlich die Anfuhr dieses Materialmassen mit Pferdefuhrwerken gewesen sein mag. Neben den Steinen mussten 500 Kubikmeter Kalk, 1.015 Kubikmeter Sand, 185 Kubikmeter Kies und 28 Kubikmeter Zement zur Baustelle transportiert und dort verarbeitet werden.

Das "Aufschlagefest" für das Kirchenschiff fand am 16.11.1886 statt. Der Turm der Kirche konnte im Dezember 1887 aufgeschlagen werden.

Der Kirchenneubau selbst wurde von einem tragischen Unglücksfall überschattet. Am 27.06.1887 stürzte der 44jährige Zimmermann Jakob Friedrich Süß nachmittags um halb fünf vom Gerüst und war sofort tot.
Die Einweihung der neuen Kirche fand am 17.06.1888 statt. Sie wurde zu einem Freudenfest für die gesamte Gemeinde. Innerhalb des Einweihungsgottesdienstes fanden eine Taufe und eine Trauung statt. Auf dringendes Anraten des Oberkirchenrates wurde jedoch auf die Feier des Heiligen Abendmahles verzichtet.

Die im neugotischen Stil errichtete Kirche mit ihrem 51 Meter hohen Turm stellt auch heute noch ein mächtiges Bauwerk dar. Die Gesamtaußenlänge der Kirche beträgt 48 Meter, die Breite 20 Meter, die Firsthöhe des Schiffes 25 Meter und die Höhe der beiden Seitentürmchen und der Altane 21 Meter. Das Kirchenschiff selbst ist innen 30 Meter lang und 18 Meter breit. Die Gesamtbaukosten beliefen sich auf rund 235.000 Mark.

Quelle: 100 Jahre Evangelische Kirche Neureut-Nord 1888 - 1988